Krise ist Zeitgeist, Baby!

von Sophia Fritz /

Sophia Fritz schreibt: Frei und nach Gefühl. Irgendwo zwischen Digitalisierung, Alltag und "The New Normal". Game-Changer oder Krise? Heute über das, was jeder spürt und keiner gerne sagt: Im Home-Office kann man seelisch auch mal richtig tief nach unten schlittern. Bang, ab in den Keller! Lest lieber Sophias "Ode an die Krise"  - Segel hissen, Vomex einschmeißen, Steuer übernehmen. App geht's:

Krise, Die

Herkunft: Griechisch krísis = Entscheidung, entscheidende Wendung

Ich habe die Pandemie im Frühjahr erst mitbekommen, als eine Frau, die vor mir im Supermarkt an der Kasse stand, mich — zu Recht — empört auf den Mindestabstand hingewiesen hat. Ich glaube, das ist der Vorteil daran, wenn man freiberufliche Autorin ist. Mein Leben hat sich durch Corona nicht wesentlich verändert.

Den ganzen Tag in den eigenen vier Wänden sitzen, den Blick auf dem trostlosen Hinterhof und unklare Zukunftsaussichten im Nacken? Kannte ich. Konnte ich. Schon vor der Pandemie.

Das hier ist eine Ode an die Krise, eine Ode an die Jogginghose, eine Ode an die ungewaschenen Haare, eine Ode daran, selbst bei Zoom-Meetings im Wohnzimmer zu spät zu kommen. Eine Ode also an den Tiefpunkt, in dem selbst der eisernste Yogi-Tee-Trinker spätestens irgendwann im November angekommen ist.

Krise ist Zeitgeist, Baby

Das Glück und die Verfolger, und einer ruft von hinten: Wenn das der Frieden ist, musst du den Krieg nicht noch erfinden.“ — Kettcar, R.I.P.

Die politischen Berichte taumelten sich im letzten Jahrzehnt medial von der Wirtschaftskrise in die Flüchtlingskrise, über die Klimakrise hin zur Coronakrise. Kein Wunder also, sind wir bei der penetranten Dauer-Apokalypse alle ein bisschen angespannt. Doch es ist eben Teil der Definition von Demokratie, nicht nur blühende Landschaften zu behaupten, sondern auch dort hinzudeuten, wo es wehtut. Große und kleine Skandale und Krisen begleiten uns durch den Alltag. Sie sind Small-Talk Thema, Unterhaltung, Genugtuung: Auch wenn man seit drei Tagen nicht geduscht hat, kann man sich dann denken, hat man immerhin nicht seinen eigenen Vater geheiratet, nicht Milliarden an Steuergeldern hinterzogen und nicht seine Sekretärin sexuell belästigt. Skandale helfen, das eigene unmoralische Verhalten relativieren zu können. Skandale geben die Gewissheit, dass der Böse ein Anderer ist.

Unser Nervensystem mag Krisen. Der Kommunikationswissenschaftler Stuart Soroka von der Universität Michigan berichtete im Fachblatt „PNAS“ von seiner Studie, an der mehr als eintausend Menschen in 17 Ländern teilgenommen haben. Aus dieser geht davor, dass Menschen kulturübergreifend auf negative Meldungen stärker reagieren als auf positive. Das aus dieser Erkenntnis hervorgehende Phänomen der Negativitätsverzerrung, dass negative Informationen medial stärker gesichtet werden als positive, nennt man „Negativity Bias“.

Einige Wissenschaftler vermuten, dass die Ursache dafür in der Evolution liegt, weil die Überlebenswahrscheinlichkeit derer, die auf schlechte Nachrichten rechtzeitig reagieren, natürlich höher war. Doch bewiesen ist diese These (noch) nicht.

Das perfide an dem Bild der „Krise“ ist, dass es die Illusion beinhaltet, wir könnten sie überwinden. Als wäre sie, genau wie eine Gefahr, akut und kurzweilig. Als wäre die Krise ein Sturm auf hoher See, als gälte jetzt: Segel hissen, Vomex einschmeißen, Steuer übernehmen. Die Illusion, dass hinter der Krise eine ruhige Normalität auf uns wartet, gibt Hoffnung.

Die Sehnsucht nach dem Ende der Krise trägt uns durch sie hindurch.

Doch, solange wir noch so etwas wie Vitalwerte aufweisen und keine zurückgezogenen Mönche werden, wird es keine Ruhe geben. Nach der Sturmflut bleiben die Wellen, bei der Flaute bleibt das Meer. Ganz ruhig ist es auf einem Boot nie. Wenn wir die Illusion aufgeben können, dass es nach der Pandemie ganz konkret besser wird, dass Krisen überwunden werden müssen, und dass danach die lang ersehnte Ruhe kommt, dann können wir endlich damit anfangen, die Gegenwart wertzuschätzen.

Die Gegenwart wahrnehmen gelingt mir persönlich oft nur einmal die Woche Montags, in den letzten zehn Minuten der Yin-Yoga-Stunde. Danach vergesse ich die Gegenwart gerne wieder, um mich in die Produktivität zu flüchten. Dauerhaft gegenwärtig sein, das können nur erleuchtete Gurus und Kinder vor dem Grundschulalter. Das gegenwärtige Sein und Wahrnehmen trainieren wir uns kontinuierlich ab: Kinder lernen für die Zukunft, Erwachsene arbeiten, um sich etwas leisten zu können. Die Krise kommt uns da sehr entgegen, weil wir sie nicht er — sondern nur durchleben müssen. Die Krise verlangt nach dem Survial Modus, in den wir in der Leistungsgesellschaft sowieso gerne befinden. Stille aushalten fällt schwer, Aktionismus tut gut: Der Survival Modus ist ironischerweise oftmals unsere Comfort Zone.

Wer sich nicht bewegt, spürt seine Fesseln nicht

„Soviel Freiheit, was mach ich daraus? Ich such’ mir einen Yogalehrer, der mir sagt, wann ich einatmen soll…und wann aus.“ — Dota Kehr, Die Freiheit

Wie gut ist denn bitte eine Krise, in der die so sicher scheinende Zukunft plötzlich unabsehbar wird? Die Krise ist nicht nur Feind, sondern auch Motor — sonst wären wir vor zwei Millionen Jahren in den Höhlen geblieben. Und ohnehin, was wäre uns in der Menschheitsgeschichte ohne Krisen nicht alles entgangen? Hätte Luther keine amtliche Krise gehabt, hätte er sicher des Nächtens kein olles Papier an ein großes Tor klopfen müssen, hätte Greta Thunberg die Umweltpolitik so völlig in Ordnung gefunden, hätten wir heute nicht tausende großartige, junge Aktivistinnen auf der Straße, hätte Martin Cooper nicht plötzlich überhaupt keinen Bock mehr auf Schnürtelefone gehabt, säßen wir in diesem Lockdown vielleicht ohne Handy da. Und das wäre mal eine wirklich schlimme Krise.

Schatz, wir müssen reden

I wish there was a treaty we could sign. I’m angry and I'm tired all the time. I wish there was a treaty, I wish there was a treaty. Between your love and mine. “ — Leonhard Cohen, Treaty

Dass wir als Gesellschaft ein Verlangen nach dieser vermeidlichen Ruhe nach der Krise haben, erkennen wir an Neologismen wie dem Wort „Beziehungsstatus“.

Das Schlimme ist ja: Haben wir — zum Beispiel in einer langjährigen Beziehung, oder in einer Festanstellung — ein angenehmes Plateau erreicht und werden von unserem Gehirn nicht mehr durchgehend mit einem anständigen Hormon-Cocktail aus Adrenalin, Serotonin und Dopamin versorgt, suchen wir uns schnell die nächste Herausforderung.

Kein Wunder, dass es in Beziehungen anfängt zu kriseln, und dass ein „auseinanderleben“ oftmals ein Synonym dafür ist, in einer Beziehung festzustecken.

Das Gute an der Krise: Sie weckt in uns den riesigen Wunsch nach Kommunikation.

Plötzlich wird aus dem Beziehungsstatus doch wieder ein großes Fragezeichen, alle Rituale, die uns vermeidliche Sicherheit schenken, sind plötzlich nichtig, wenn es um das Sein geht, wenn einem die Endlichkeit bewusst wird — die eigene, und die derjenigen, die wir lieben. Plötzlich ist die Frage nach Dialog, nach Kommunikation. Nach dem Wesentlichen.

Die Krise zwingt uns zum Dialog — und ich glaube, wir haben Lust auf Krisen. Die Ausreden, die wir haben, um miteinander in Kontakt zu treten, werden immer weniger. Die Leben werden einzelliger, Ein-Zimmer-Wohnung, Zwei Stühle am Esstisch, ein Studium, ein Beruf, ein paar Konten, ein paar Aktien, ein paar Dates. In der ganzen Bedingungslosigkeit trudeln wir herum, und sehnen uns nach wirklichem Kontakt. In einer westlichen, kapitalistischen Welt, in der Unabhängigkeit einen hohen sozialen Wert hat, ist es uns oft unangenehm, den anderen aus einer Bedürftigkeit nach etwas zu fragen. Wir wollen selbstständig sein, finanziell, emotional, physisch und psychisch. Die Gesellschaft ist immer noch nicht auf Abhängigkeit ausgerichtet, abhängige Leute sind wenig inkludiert, sondern werden in Ränder einsortiert: Pflegen- und Altenheime, Männer- und Frauenwohnheime, Obdachlosenwohnheime, Entzugs-Kliniken. Wer wenig Zeit hat, ist gefragt und wichtig.

Die Krise gibt uns die Möglichkeit, wieder miteinander in Kontakt zu treten. Die Krise ist unsere Ausrede, wieder mehr bei unseren Großeltern anzurufen, unser Leben zu hinterfragen, Kontakte abzubrechen, neue Kontakte zu knüpfen. Die Krise macht uns kollegial und übergreifend zu Opfern, ein Gemeinschaftsgefühl, dem es ansonsten vermeidlich nicht mehr bedarf.

 Die letzte Krise war jetzt

Alles was wir haben ist jetzt. Kein Seil, keinen Fallschirm, kein Netz, keine Karte, auf die man sich verlässt, alles was wir haben ist jetzt.“ — Juli, Jetzt

Mit den Impfstoffen ist Corona absehbar geworden. Doch, guess what? Die Ruhe danach wird nicht kommen. Irgendwo wartet wieder ein gefährlicher Strudel auf uns, ein frustrierender Staudamm, ein kaputtes Segel. Die Gegenwart fragt nicht nach, was uns gefällt. Sie ist einfach da und möchte angefasst, geschüttelt und begriffen werden, die Gegenwart will immer, das man sich mit ihr auseinandersetzt, und Puneh Ansari sagt: Man muss die Dinge mit Humor nehmen, von hinten, und mit Humor.

Ich glaube es wird Zeit, sich von dem Stereotyp der Krise zu verabschieden. Wir sollten unser Nervensystem, das nunmal auf schlechte Nachrichten ausgerichtet ist, nicht mehr mit der Illusion einer passenden Lösung füttern. Wir sollten die Gesellschaft, die uns Krisen verkauft, hinterfragen. Wenn wir den Survival-Modus ausschalten, können wir die Ungewissheit vielleicht sogar genießen. Denn sie gibt uns die Möglichkeit, authentisch zu reagieren und authentische Entscheidungen zu treffen. Gefällt es mir in meinem Job überhaupt noch? Möchte ich auswandern? Möchte ich mich bei meiner Mutter ausweinen? Wenn nicht jetzt, wann dann?

Am Tiefpunkt dann Yogi-Tee-Trinken und dann endlich mal wieder ganz ehrlich sein können, so ganz ohne Fallhöhe. Lasst uns den Beziehungsstatus vergessen, die Liebeschlösser (was ist das denn überhaupt für ein Symbol?) und in den ehrlichen Dialog miteinander treten. Damit wir uns nicht auseinanderleben, von unseren Partnern, unseren Freunde, und von uns selbst.

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