"Barrierefreiheit macht Produkte insgesamt intuitiver und nutzerfreundlicher“ - Carina
Wie fühlt sich eine App an, wenn man sie nicht sieht, sondern hört oder ertastet?
Carina ist von Geburt an blind und testet unsere Mitarbeiter-App aus der Perspektive einer Screenreader-Nutzerin. Im Interview spricht unsere Product Managerin Julia mit ihr über ihre Erfahrungen mit digitaler Barrierefreiheit, darüber, was beim Testen gut funktioniert und wo es noch hakt – und warum Barrierefreiheit weit mehr ist als ein technisches Feature. Es geht um Software, Gesetzgebung und die Frage, wie digitale Produkte und interne Kommunikation wirklich für alle Menschen zugänglich werden.
Julia (Quiply): Hallo Carina, danke, dass du dir heute Zeit für unser Interview nimmst. Ich möchte gerne aus deiner Perspektive hören, was bei unserer Mitarbeiter-App gut funktioniert und wo wir uns noch verbessern können. Außerdem interessiert mich, was du dir von Softwareherstellern und der Gesellschaft wünschst. Aber lass uns zuerst bei dir anfangen: Wer bist du, und was machst du, wenn du nicht gerade unsere App testest?
Carina: Ich bin Carina, 28 Jahre alt und von Geburt an vollblind. Ich lebe in der Nähe von Düsseldorf, habe Online-Redaktion in Köln studiert und bin aktuell auf Jobsuche im journalistischen Bereich. Leider ist das sowohl in diesem Bereich als auch als Blinde nicht ganz einfach.
Deshalb arbeite ich sehr gern bei Quiply mit, weil ich meine Zeit sinnvoll einsetzen kann und möchte. In meiner Freizeit verbringe ich viel Zeit mit meiner Familie, meinen Freund:innen und meinem Blindenführhund Pitou. Außerdem mache ich hobbymäßig Bürgerfunk in einer inklusiven Redaktion. Da kann wirklich jede:r Radio machen. Das macht mir sehr großen Spaß. Darüber hinaus spiele ich gern Gesellschaftsspiele und bin immer offen für neue Herausforderungen.
Julia (Quiply): Du bist sehr aktiv und hast viele Interessen und testest die Software bei uns eigentlich nur nebenbei. Du hast gesagt, dass es dir Spaß macht, weil es sinnvoll ist. Wie bist du eigentlich auf uns gekommen?
Carina: Wie ich hierhergekommen bin, ist eigentlich eine ganz lustige Geschichte. Meine ehemalige Studienassistenz Julia, die bei euch als Head of CSM arbeitet, kam irgendwann auf mich zu und fragte, ob ich mir vorstellen könnte, eure App zu testen.
Ich dachte mir: „Warum eigentlich nicht?“ Es ist wichtig, Menschen mit Behinderungen einzubeziehen, wenn man Software barrierefrei gestalten möchte.
„Positiv überrascht hat mich, dass jemand einmal wirklich verstanden hat, warum ich ein Benutzungsproblem hatte.“
Carina, Barrierefreiheits-Testerin
Julia (Quiply): Du hast bei uns die Mitarbeiter-App aus der Perspektive einer Screenreader-Nutzerin getestet. Was hat dir denn besonders gut gefallen und was hat dich positiv überrascht?
Carina: Zunächst ist es wichtig zu verstehen, was ein Screenreader macht. Ein Screenreader ist eine Software, die den Bildschirminhalt vorliest und auf Handys, Computern, Laptops oder Tablets genutzt werden kann. Ich arbeite an einem Windows-Laptop mit der Sprachausgabe JAWS.
Zusätzlich nutze ich eine sogenannte Braillezeile, benannt nach Louis Braille, dem Erfinder der Blindenschrift. Darüber kann ich den Text auf dem Bildschirm in Blindenschrift lesen, was sehr praktisch ist.
Positiv überrascht war ich davon, dass bereits relativ viel funktionierte. Am Anfang hieß es, ihr wärt noch nicht besonders barrierefrei. Als ich mir die Mitarbeiter-App dann das erste Mal angeschaut habe, dachte ich: „So schlimm ist es doch eigentlich gar nicht.“. Ich habe schon deutlich schlimmere Software gesehen. Gerade bei Apps für interne Kommunikation ist Barrierefreiheit oft noch kein Standard.
Zum ersten Mal hatte ich das Gefühl, dass wirklich verstanden wurde, warum dieses Benutzungsproblem entsteht. Oft war es sonst so: „Dann geht das halt nicht. Dann macht das eben deine Assistenz.“ Oder ich wurde aufgefordert, ein anderes Tool zu verwenden. Die meisten wussten irgendwann, was nicht funktioniert – aber kaum jemand wusste, warum.
Julia (Quiply): Es ist auf jeden Fall eine spannende Erkenntnis, dass es vielen Leuten gar nicht bewusst ist, was eigentlich nötig ist, damit etwas für dich auch zugänglich ist. Wo hast du beim Testen gemerkt: „Hier wurde wirklich an meine Bedürfnisse gedacht“?
Carina: Ich habe es immer dann gemerkt, wenn Mohamed (Mohamed ist unser UX-Designer) beim Testen gesagt hat: „Das haben wir extra so gemacht.“ oder „Das haben wir bewusst so benannt.“.
Auch daran, dass sich durch mein Feedback im Laufe der Zeit Dinge verändert haben. Oder dass Funktionen, die beim letzten Test noch nicht funktioniert haben, beim nächsten Mal plötzlich gingen.
Gleichzeitig habe ich gelernt, dass man nicht alles genau so umsetzen kann, wie ich es mir wünschen würde. Es gibt gewisse Grenzen. Einige Dinge muss man als blinder Mensch einfach wissen, um die App gut bedienen zu können. Wenn man das weiß, funktioniert mittlerweile aber sehr vieles sehr gut.
(Anm. der Redaktion): Auf Carinas Anraten entwickeln wir hierzu ein Tutorial für Nutzer:innen von Screenreadern.
Julia (Quiply): Obwohl vieles schon gut funktionierte, gab es sicher auch Stellen, an denen es noch hakte. Wo genau hast du das gemerkt, und was könnte deiner Meinung nach verbessert werden?
Carina: Was sich bereits in Teilen verbessert hat und woran ihr weiterhin arbeitet, ist zum Beispiel die Rückmeldung bei Aktionen. Dass man beispielsweise im Chat auf „Nachricht senden“ klickt und dann eine Rückmeldung erhält, dass die Nachricht tatsächlich gesendet wurde.
Julia (Quiply): Durch dein Feedback konnten wir schon einige Dinge verbessern. Wo genau hast du gesehen, dass sich etwas dank deiner Rückmeldungen tatsächlich geändert hat?
Carina: Es gab immer mal wieder Schalter, die nicht oder doppelt benannt waren, sowie Pop-up-Fenster, die sich öffneten, ohne dass ich sie bemerkt habe. Teilweise konnte ich im Hintergrund weiterarbeiten, während im Vordergrund noch ein Fenster geöffnet war.
Das kennen meine Assistenzen auch: Ich kann manchmal auf Websites surfen, während für Sehende noch ein Cookie-Banner angezeigt wird.
Eine zusätzliche Herausforderung war, dass Informationen sowohl über die Sprachausgabe als auch auf der Braillezeile verfügbar sein müssen. Es gibt Menschen, die ausschließlich die Sprachausgabe oder ausschließlich die Braillezeile nutzen – sei es aus Präferenz oder weil sie keine andere Möglichkeit haben.
Wer beispielsweise zusätzlich zur Blindheit eine starke Hörbeeinträchtigung hat, kann die Sprachausgabe nicht nutzen und ist auf die Blindenschrift angewiesen. Solche Details muss man bei der Umsetzung von Barrierefreiheit berücksichtigen.
„Ich finde es wichtig, dass Nutzer:innen von Anfang an einbezogen werden. Schließlich sind wir es, die am Ende mit der Software arbeiten.“
Julia (Quiply): Lass uns über Barrierefreiheit in Software allgemein sprechen. Du nutzt viele digitale Produkte im Alltag, nicht nur unsere App. Was ist aus deiner Sicht besonders wichtig, damit Software wirklich barrierefrei ist?
Carina: Ich finde es wichtig, dass Nutzer:innen von Anfang an einbezogen werden. Schließlich sind wir es, die am Ende mit der Software arbeiten. Was Entwickler:innen sich ausdenken, ist nicht automatisch auch für uns gut nutzbar.
Es würde zum Beispiel wenig Sinn machen, eine eigene barrierefreie Software für die Navigation auf Websites zu entwickeln, wenn die meisten Nutzer:innen eines Screenreaders diesen ohnehin schon verwenden. Dann müssten Hersteller:innen dafür keinen großen Aufwand betreiben, weil nur sehr wenige davon profitieren würden.
Wichtig ist daher Sensibilität dafür, dass Barrierefreiheit ein sehr breites Feld ist. Eine barrierefreie App ist nicht automatisch dann gegeben, wenn Inhalte vorgelesen werden können. Nur weil Inhalte vorgelesen werden können, heißt das nicht, dass sie für alle Nutzer:innen gut funktionieren.
Darum ist es auch wichtig das Zwei-Sinne-Prinzip zu beachten: Jede Information sollte auf mindestens zwei Wegen zugänglich sein. Videos brauchen Untertitel, wichtige visuelle Inhalte eine Beschreibung für blinde Menschen, Audios ein Transkript für Menschen, die es nicht hören können oder wollen.
Wir sind zwar auf einem guten Weg, aber bis digitale Medien wirklich für Menschen mit Behinderung barrierefrei sind, liegt noch ein sehr langer Weg vor uns.
Julia (Quiply): Seit letztem Jahr gibt es das Barrierefreiheitsstärkungsgesetz (BFSG). Wie siehst du es aus deiner Perspektive als betroffene Person?
Carina: Ich finde es grundsätzlich gut, dass es das Barrierefreiheitsstärkungsgesetz gibt, weil damit endlich auch die Privatwirtschaft zu Barrierefreiheit verpflichtet wird. Bis vor kurzem galt das nur für Behörden und öffentliche Einrichtungen; jetzt muss prinzipiell jeder Online-Shop barrierefrei sein – und perspektivisch betrifft das auch Software und Apps, die im Arbeitskontext eingesetzt werden, und das ist schon ein Fortschritt.
Gleichzeitig ist das Gesetz in Teilen noch nicht zu Ende gedacht. Ich habe zum Beispiel gehört, dass man ein E-Paper barrierefrei bestellen können muss, das E-Paper selbst aber nicht barrierefrei sein muss. Außerdem gibt es teilweise sehr lange Übergangsfristen: Neue Bankautomaten müssen sofort barrierefrei sein, während für bestehende Geräte Zeit bis 2040 gewährt wird. Das bringt mir persönlich wenig, wenn ich kurz vor dem Ruhestand endlich barrierefrei meine Bankgeschäfte erledigen könnte. (lacht)
Meiner Meinung nach müsste jeder, der beruflich im Internet Dienstleistungen anbietet, ein Mindestmaß an Barrierefreiheit gewährleisten oder Alternativen bereitstellen. Natürlich kann man nicht jede:n Facebook-Nutzer:in verpflichten, seine Bilder zu beschreiben, aber auf professionellen Websites sollte es verbindliche Standards geben.
Ich fände es sympathisch, wenn Websites offen kommunizieren würden: „Meine Website ist leider nicht vollständig barrierefrei. Wenn du ein Tool nicht nutzen kannst, ruf einfach an.“ So gesteht man eine Schwäche ein, zeigt aber, dass man sie erkennt, und bietet gleichzeitig eine Lösung an.
Julia (Quiply): Du hast jetzt schon ein paar Beispiele genannt, wo vielleicht noch etwas in Bezug auf das Gesetz verbessert werden könnte. Hast du denn schon im Alltag schon Veränderungen gespürt durch das Gesetz?
Carina: Ich habe den Eindruck, dass manche Online-Shops inzwischen mehr Alternativtexte für ihre Bilder bereitstellen – mal besser, mal weniger gut. Gute Alternativtexte zu erstellen, ist allerdings nicht trivial.
Durch das Inkrafttreten des Gesetzes bekommt das Thema Barrierefreiheit wieder mehr mediale Aufmerksamkeit, und das ist wichtig, damit es überhaupt ins Bewusstsein der Menschen gelangt. Viele denken bei „Barrierefreiheit“ zuerst an Rollstühle und Rampen – dabei gehören auch Internetseiten, Leitsysteme am Bahnhof, einfache Sprache oder Gebärdensprache dazu. Das Feld ist so groß, dass man theoretisch ganze Buchserien dazu schreiben könnte.
Auf LinkedIn posten mittlerweile viele Menschen zu diesem Thema, und es entstehen Tools, die Webseiten angeblich barrierefrei machen sollen. Selbst Prüftools, die testen, ob eine Website barrierefrei ist, funktionieren aber oft nicht zuverlässig. Sie erkennen zum Beispiel, ob ein Bild einen Alternativtext hat – nicht aber, ob dieser Text tatsächlich sinnvoll ist.
Wirklich verlässlich testen kann dies nur eine Person, die die Seite mit einem Screenreader nutzt.
„Meiner Meinung nach müsste Barrierefreiheit genauso eine Priorität haben wie Responsivität.“
Julia (Quiply): Was findest du gut daran, dass es das Gesetz gibt? Gleichzeitig scheint mir, dass das tatsächliche Feedback von betroffenen Personen oft noch fehlt. Was müsste aus deiner Sicht passieren, damit das Gesetz wirklich einen positiven Effekt hat?
Carina: Ehrlich gesagt kenne ich nicht alle Details des Gesetzes genau. (lacht) Aber das zeigt schon einen wichtigen Punkt: Gesetze, die Menschen mit Behinderung betreffen, sollten leicht verständlich für alle zugänglich sein.
Positiv ist, dass Unternehmen jetzt bis zu 100.000 Euro Strafe zahlen müssen, wenn ihre Websites nicht barrierefrei sind. Leider scheint es in unserer Gesellschaft oft nur über Strafen zu funktionieren, dass Barrierefreiheit umgesetzt wird. Andere Dinge, wie eine auf dem Handy nicht bedienbare Software, könnten sich Unternehmen heute einfach nicht leisten.
Meiner Meinung nach müsste Barrierefreiheit genauso eine Priorität haben wie Responsivität: Wenn eine Website oder App nur auf dem PC, aber nicht auf dem Handy funktioniert, verliert ein Unternehmen am Markt. Aber wenn eine Website nicht barrierefrei ist, ist das heutzutage kaum ein Skandal.
Deshalb finde ich, dass Websites verpflichtend von mehreren Tester:innen mit unterschiedlichen Behinderungen getestet werden sollten – idealerweise auch von mehreren Personen mit derselben Behinderung in verschiedenen Nutzungsszenarien. Nur weil ich mit eurer App gut zurechtkomme, heißt das nicht, dass andere blinde Nutzer:innen genauso damit klarkommen, da sie unterschiedliche Gewohnheiten und technische Voraussetzungen haben.
„Am wichtigsten ist aber: miteinander sprechen. Probiert Dinge einfach aus.“
Julia (Quiply): Zum Abschluss noch eine Frage zu unserem Kernthema: interne Kommunikation. Die App ist nur ein Hilfsmittel – die Kommunikation findet zwischen den Menschen statt. Gerade bei einer Mitarbeiter-App entscheidet sich hier, ob interne Kommunikation wirklich inklusiv ist. Was ist wichtig, damit interne Kommunikation auch Menschen mit Behinderung erreicht?
Carina: Für zugängliche interne Kommunikation gilt: so einfach, kurz und klar wie möglich. Es bringt nichts, 20 Buzzwords in eine Nachricht zu packen, sodass niemand mehr versteht, was die Geschäftsführung eigentlich mitteilen wollte.
Statt: „Die Geschäftsführung beschloss am soundsovielten in ihrer Sitzung, dass es wieder Feierlichkeiten anlässlich des Weihnachtsfestes geben soll.“ kann man auch einfach schreiben: „Wir haben beschlossen: Es gibt dieses Jahr eine Weihnachtsfeier.“
Außerdem sollten Informationen nicht ausschließlich über Bilder vermittelt werden, da blinde Menschen sie nicht wahrnehmen können. Schaubilder, Grafiken oder Diagramme sind oft hilfreich, aber man sollte immer Alternativen anbieten – sei es durch Beschreibungen, begleitende Texte oder Alternativtexte für Bilder.
Bei Videos sollte der Textinhalt auch gesprochen werden, nicht nur visuell oder musikalisch vermittelt werden. Selbst ein gesprochenes Skript ist besser als gar nichts, und es findet sich in der Regel immer eine Person, die dies gern übernimmt.
Am wichtigsten ist aber: miteinander sprechen. Fragt Mitarbeitende mit Behinderung: „Was braucht ihr? Wie können wir helfen?“ Probiert Dinge einfach aus. Ein nicht perfekter Alternativtext ist besser als gar keiner, und selbst eine kurze Bildbeschreibung ist hilfreich.
Julia (Quiply): Was würdest du Unternehmen, Entwickler:innen oder Menschen, die bisher wenig über Barrierefreiheit nachgedacht haben, mit auf den Weg geben?
Carina: Ich möchte Menschen ermutigen, die mit Medien, Internet oder Software arbeiten: Denkt an Menschen mit Behinderung. In Deutschland gibt es über 7 Millionen Menschen mit Schwerbehinderung. Insgesamt sogar mehr als 10 Millionen – also eine beträchtliche Zahl.
Wenn ihr eure Software, Produkte oder Websites barrierefrei gestaltet, helft ihr diesen Menschen – aber auch allen anderen, denn eine barrierefreie Mitarbeiter-App ist intuitiver, verständlicher und für alle leichter nutzbar.
Denkt auch an ältere Menschen, für die das Internet nicht alltäglich ist. Ihr könnt einen großen Impact schaffen, indem ihr dafür sorgt, dass möglichst viele Menschen das Internet nutzen können.
Und an alle anderen: Habt keine Scheu, wenn ihr Menschen mit Behinderung begegnet. Die meisten sind supernett – fragt einfach, ob ihr helfen könnt, und sprecht sie an.
Julia (Quiply): Vielen Dank für diese abschließenden Worte und für das Interview, Carina. Ich habe persönlich sehr viel dazugelernt und hoffe, dass dieses Gespräch auch anderen neue Perspektiven eröffnet.